Erkrankungen durch beruflichen Kontakt

Rind verursacht Berufskrankheit

© Sylvain Cordier / AdobeStock
Autor: Prof. Dr. med. Peter A. Mayser, Facharzt für Dermatologie und Venerologie

 

Unter den Mykosen durch Nutztiere ist als Erreger in Mitteleuropa insbesondere das von Rindern übertragene T. verrucosum bedeutsam [2]. Die Rinderflechte befällt vor allem Menschen in landwirtschaftlichen Betrieben, die mit den erkrankten Tieren in direkten Kontakt kommen, zum Beispiel Landwirte, aber auch Tiermediziner. Sie kann auch nach Ferien auf einem Bauernhof auftreten. Meist handelt es sich um tiefe abszedierende Infektionen der Terminalhaare, die oft mit ausgeprägten entzündlichen Veränderungen und intensivem Krankheitsgefühl einhergehen. Die Diagnostik ist oft dadurch erschwert, dass bei pustulösen Veränderungen zunächst an eine bakteriell bedingte Ostiofollikulitis durch insbesondere Staph. aureus gedacht wird.

Eine Untersuchung epilierter Haare sichert durch ein positives Nativpräparat zeitnah die klinische Diagnose einer Mykose, während Kultur und ggf. PCR-Diagnostik die Erregeridentifikation und damit ggf. eine Therapieoptimierung ermöglichen.

Hier zeigen die Fallberichte die Vorteile einer Kombination eines potenten Antimykotikums mit einem entzündungshemmenden Glukokortikosteroid. Denn die Lokaltherapie sollte durch antimykotische Effekte eine Verminderung der Pilzlast, aber auch eine rasche Linderung der subjektiven Symptome Entzündung und Juckreiz ermöglichen.

T. verrucosum Infektionen verleihen eine bleibende Immunität, was auch bei der Impfung von Kälbern genutzt wird. Dennoch können gerade landwirtschaftlich tätige Personen von schwerverlaufenden Erstinfektionen betroffen sein, wie dieser Fallbericht zeigt.

52-jähriger Landwirt mit einer Berufskrankheit

Abb. 1 und 2: Ausgangsbefund © Almirall Hermal GmbH

Diagnose:

Tinea barbae durch T. verrucosum

 

Anamnese:

52-jähriger Patient, der zunächst eine kleine Veränderung an der rechten Halsseite bemerkte und Zugsalbe anwandte. Die Veränderungen schritten aber rasch fort, so dass sechs Tage später eine stationäre Einweisung in die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie erfolgte. Dort erfolgte zunächst eine Therapie mit Cefuroxim dreimal 1,5 g i. v. unter der Verdachtsdiagnose einer bakteriellen Infektion.

Eine Abstrichuntersuchung erbrachte den Nachweis von Koagulase negativen Staphylokokken, Pilze waren nicht nachweisbar. Bei weiterer Verschlechterung erfolgte eine konsiliarische Vorstellung in der Klinik für Dermatologie. Der Patient ist Landwirt mit Schwerpunkt Rinderzucht, keine weiteren Vorerkrankungen.

 

Lokalbefund:

Im Bereich der rechten Halsseite und Unterkieferregion findet sich ein ausgedehnter plattenartiger Tumor mit reichlich follikulär gebundenen Pusteln, auf Druck (schmerzhaft!) entleert sich Eiter.

Schwellung der submandibulären und präaurikulären Lymphknoten.

Druckschmerz und Brennen (Abb. 1 und 2). Temperatur 37,8 °C.

 

Labor:

Erhöhung des CRP (~ 30 mg/l), Leukozytose (Leukozyten 10,9 giga/l), übrige Routineparameter im Normbereich.

 

Mikrobiologie:

Epilierte Haare zeigen im Nativpräparat (Calcofluor-white-Färbung) eine Manschette aus Sporen und Hyphen, die teilweise in Arthrosporen zerfallen (Abb. 3).

Abb. 3: Calcofluor-Nativpräparat (x 400). Hinweisend auf T. verrucosum können neben der Anamnese eine Vielzahl von Arthrosporen sein. © Almirall Hermal GmbH

In der Kultur epilierter Haare auf einem Actidione-haltigem Nährboden nach ca. vier Wochen Wachstum von T. verrucosum (Abb. 4).

Abb. 4: Langsames Wachstum von T. verrucosum in der Kultur (~ 4 Wochen) © Almirall Hermal GmbH

Therapie:

Terbinafin Tabletten 250 mg einmal täglich abends über vier Wochen; Lokalbehandlung mit Decoderm® tri Creme (topisches Kortikoid Klasse II und Miconazol; zum Pflichttext aller genannten Präparate) über 14 Tage*, dann Übergang auf Ciclopiroxolamin-haltige Creme (z. B. Selergo® Cremezum Pflichttext aller genannten Präparate).

Hierunter schon nach fünf Tagen deutlicher Rückgang der entzündlichen Komponente und der subjektiven Beschwerden. Nach elf Tagen weitgehende Abflachung des Herdes, kein Eiteraustritt und keine Lymphknotenschwellungen (Abb. 5). Es resultierte jedoch in den zentralen Bereichen ein teilweiser Haarverlust (Abb. 6).

Abb. 5: Befund 11 Tage nach Therapiebeginn © Almirall Hermal GmbH
Abb. 6: Befund 25 Tage nach Therapiebeginn © Almirall Hermal GmbH

Kommentar:

Bei der Tinea barbae handelt es sich um eine tiefe abszedierende Follikulitis der Barthaare insbesondere durch T. verrucosum (Hauptwirt Rinder) sowie T. mentagrophytes (Hauptwirt Nager), die oft von Allgemeinsymptomen begleitet ist.

Bei Landwirten kann die Erkrankung durch Kontakt mit infizierten Großtieren (Rinderflechte) beruflich bedingt sein und ist dann nach Nr. 3102 der Berufskrankheitenverordnung (vom Tier auf den Menschen übertragbare Erkrankungen) anzeigepflichtig.

Die Erkrankung beginnt mit vereinzelten eitrigen Follikulitiden, wobei die Erreger auch beim Rasieren weiterverbreitet werden. Die zunächst oberflächliche Entzündung mit Rötung, Schuppung und Pusteln dringt rasch in die Tiefe der Haarfollikel vor, es entstehen weiche, infiltrierte, furunkuloide Knoten. Die Herde sind von follikulären Pusteln übersät. Durch Einschmelzung entstehende, unterminierte, konfluierende Abszesse großer Bartbereiche stellen die schwerste Form der Tinea barbae dar.

Eine Abstrichuntersuchung ist oft nicht zielführend und zeigt meist, wie auch in vorliegendem Fall, nur eine Superinfektion mit Staphylokokken an. Diagnostisch entscheidend sind direkte (im „Nativpräparat“), kulturelle oder PCR-gestützte Untersuchungen epilierter betroffener Barthaare. Aufgrund der tiefen abszedierenden Entzündung ist eine systemische antimykotische Therapie, vorzugsweise mit Terbinafin, angezeigt.

Das topisch innerhalb der ersten 14 Tage eingesetzte Kombinationspräparat Decoderm® tri Creme(Flupredniden-21-acetat und Miconazol; zum Pflichttext aller genannten Präparate) führte mit seinem Steroidanteil zu einem raschen Rückgang der  entzündlichen und gewebsdestruierenden Komponente (Abb. 1 und 2, Abb. 5 und 6).

 

Infobox

Glukokortikoide können bei entzündlichen tiefen Trichophytien zum schnellen Abschwellen akuter entzündlicher Läsionen und zu einer raschen Linderung von Schmerzen und oft quälendem Juckreiz führen [5]. Frühzeitig eingesetzt wirken sie auch dem entzündungsbedingten Haarverlust entgegen. Breitspektrum-Antimykotika wie Miconazol sind gegen Dermatophyten und pathogene Hefen sehr wirksam und bieten den Vorteil, dass sie auch grampositive bakterielle Erreger wie S. aureus erfassen, die bei entzündlichen Formen tiefer follikulärer Trichophytien oft im Rahmen einer Superinfektion nachzuweisen sind. Die Kombinationspräparate sind im Allgemeinen für eine ein- bis zweiwöchige, zweimal tägliche Anwendung zugelassen und damit für die Initialtherapie geeignet.

 

*Fachinformation Decoderm® tri: Decoderm® tri sollte üblicherweise nicht länger als 1 Woche angewendet werden.

Literatursiehe PDF

Pflichttextesiehe “Pflichttexte” für alle genannten Präparate

Weitere Informationen finden Sie im Heft „Zoophile Mykosen – Fälle aus der Praxis“ PDF herunterladen

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