Tinea Genitalis

Tiefe Trichophytie im Genitalbereich

© scentrio / AdobeStock
Autor: Prof. Dr. med. Peter A. Mayser, Facharzt für Dermatologie und Venerologie

 

Diagnose:

Tinea genitalis durch T. verrucosum

 

Anamnese:

20-jährige Patientin, seit vier Wochen Hautveränderungen im Bereich des Mons pubis mit zunehmender Ausdehnung. Läsionen jetzt auch im Bereich der Oberschenkelinnenseiten. Bisherige mikrobiologische Abstrichuntersuchungen ergaben den Nachweis von Staphylococcus aureus, aber auch unter oraler Therapie mit Flucloxacillin und Lokaltherapie mit einer Gentamicin-haltigen Creme keine wesentliche Besserung, sondern weitere Verschlechterung. Zunehmender Juckreiz und entzündliche Infiltrate. Kein Tierkontakt, Vorerkrankungen nicht bekannt.

 

Lokalbefund:

Im Bereich des Mons pubis und der großen Schamlippen entzündliche Papeln und Plaques, auch einzelne follikuläre gebundene Pusteln. Die umgebende Haut ist gerötet, mäßiggradige kleinlamelläre Schuppung. Im Randbereich auch scharf begrenzte Herde mit randbetonter fein- bis mittellamellärer Schuppung (Abb. 1). Subjektiv starkes Brennen und Juckreiz.

Labor:

Routineparameter im Normbereich; eine Schwangerschaft lag nicht vor.

 

Mikrobiologie:

Im Nativpräparat aus Schuppenmaterial vom Randbereich der Läsionen Hyphen und Sporen nachweisbar. Epilierte Haare zeigen eine Manschette aus Arthrosporen. In der Kultur (Schuppen sowie in den Nährboden okulierte epilierte Haare) nach vier Wochen Wachstum von T. verrucosum.

 

Therapie und Verlauf:

Terbinafin 250 mg oral über 28 Tage;
Lokalbehandlung mit Decoderm® tri Creme (topisches Kortikoid Klasse II + Miconazol; zum Pflichttext aller genannten Präparate) zweimal tgl. dünn über 7 Tage. Darunter rasche Besserung der subjektiven Symptomatik.

 

Abb. 1: Lokalbefund © Almirall Hermal GmbH

Infobox

Desinfektion der Wäsche durch Kochen bzw. durch 30-minütiges Einweichen in einem Benzalkoniumchlorid-haltigem Wäschedesinfektionsmittel (0,5%ige Lösung; über mindestens 30 Minuten einweichen, dann waschen [z. B. mit Sagrotan Wäschehygiene, Canesten Hygiene Wäschespüler, Impresan Hygienespüler]).

 

Kommentar:

Tiefe abszedierende Follikulitiden der Terminalhaare sind meist im Bereich des Kopfes (Tinea capitis, Kerion celsi) bzw. der Barthaare (Tinea barbae) lokalisiert. Weitaus seltener sind andere Körperregionen mit Terminalbehaarung betroffen, wie in dem vorgestellten Fall die Genitalregion. Erreger sind insbesondere Trichophyton verrucosum (Hauptwirt Rinder) sowie die T. mentagrophytes(Hauptwirt Nager) mit oft stark entzündlicher Reaktion. In dem hier vorgestellten Fall erfolgte die Übertagung von einer Tinea barbae des Lebenspartners, eines Landwirtes. T. verrucosum zeigt in der Kultur ein sehr langsames, mitunter über Wochen protrahiertes Wachstum. Hinweisend sind das Nativpräparat, ferner stehen jetzt PCR-gestützte Methoden für einen raschen Nachweis (ggf. < 24 h) zur Verfügung. T. mentagrophytes stammt hauptsächlich von kleinen Nagern, insbesondere Mäusen und Meerschweinchen. Das Krankheitsbild zeigt sich ähnlich entzündlich (s. Abb. 2) und erfordert gleiche diagnostische und therapeutische Maßnahmen. Tiefe follikuläre Mykosen beginnen oft mit vereinzelten eitrigen Follikulitiden, die oft als staphylogene Ostiofollikulitis gedeutet werden.

Die zunächst oberflächliche Entzündung mit Rötung, Schuppung und Pusteln dringt rasch in die Tiefe der Haarfollikel vor, es entstehen weiche, infiltrierte, furunkuloide Knoten. Eine  Abstrichuntersuchung ist oft nicht zielführend und zeigt meist nur eine Superinfektion mit Staph. aureus an. Die betroffenen Haare lassen sich schmerzlos zu diagnostischen Zwecken epilieren, Schuppenmaterial kann ggf. aus den Randläsionen gewonnen werden. Kontaktpersonen sollten ebenfalls untersucht und ggf. behandelt werden. Die betroffenen Tiere, die asymptomatisch sein können, sind ebenfalls zu untersuchen und ggf. zu therapieren. Subjektiv im Vordergrund steht oft der starke Juckreiz und ggf. Schmerz, der in den vorliegenden Fällen durch die Kombinationstherapie mit Decoderm® tri Creme(topisches Kortikoid Klasse II + Miconazol; zum Pflichttext aller genannten Präparate) rasch gebessert werden konnte. Miconazol hat ferner auch eine Wirkung gegenüber Staph. aureus und führt hier auch zu einer raschen Umgebungsdekontamination. Aufgrund der tiefen abszedierenden Infektion ist jedoch eine gleichzeitige systemische antimykotische Therapie vorzugsweise mit Terbinafin angezeigt.

 

Abb. 2: bei einer 24 jährigen Patientin durch Kontakt mit Meerschweinchen © Almirall Hermal GmbH

Differentialdiagnosen

Impetigo contagiosa, staphylogene Ostiofollikulitis, gramnegative Follikulitis

Weitere Informationen finden Sie im Heft „Mykosen in der Gynäkologie – Fälle aus der Praxis“ PDF herunterladen

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